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Klara Geywitz Foto: Werner Schüring

2. Oktober 2020: Der wilde Westen

Klara Geywitz, stellvertretende Bundesvorsitzende der SPD, spricht mit uns über ihre Erinnerungen zu 30 Jahren Deutsche Einheit.

UB-Lüneburg: Wie hast Du die Wendezeit erlebt?
Klara Geywitz: Im Sommer 1989 waren wir alle aufgeregt. Würde sich die DDR in Richtung Polen, also Demokratisierung entwickeln oder kommt es zu einer chinesischen Lösung mit Blutvergießen. In meinem kleinen Dorf waren damals viele polnische Erntehelfer im Einsatz. Man blinzelte sich verschmitzt zu als kleines Zeichen der Solidarität. Mit dem 9. November war die Ruhe im Berliner Grenzgebiet erstmal vorbei. Es gab ein hin und her, eine Freude über die neue Freiheit und dann folgten ziemlich schnell dem Konsumrausch die ersten Wermutstropfen namens Massenarbeitslosigkeit, Geburtenknick und Abwanderung.

UB-Lüneburg: Welche Hoffnungen hattest Du?
Klara Geywitz:
Ich war damals 13 Jahre alt und um mich rum war die Welt im Aufbruch. Alles schien möglich, die Erwachsenen hatten mit sich zu tun und ich genoss Abwesenheit von Kontrolle wie es wohl jeder Teenager getan hätte. Besondere Hoffnungen an den neuen Staat hatte ich nicht. In dem Alter machte ich noch keine weitreichenden Pläne.


"Die erste Klassenfahrt ging nach Bremen, das fanden wir alle ziemlich wild und gefährlich."


UB-Lüneburg: Welchen Ort hast Du im Westen zuerst besucht?
Klara Geywitz: Zuerst besuchte ich mit meiner Mutter Spandau. Das gefiel mir sehr gut und ich staunte, warum sich meine Mutter da so gut auskannte. Für mich war das alles terra incognita, sie kannte das ganze noch von der Zeit vor dem Mauerbau. Die erste Klassenfahrt ging nach Bremen, das fanden wir alle ziemlich wild und gefährlich. Ich kann mir heute nicht mehr ganz vorstellen, was genau wir so aufregend fanden, aber damals war es die große weite Welt.

UB-Lüneburg: Was hast du dir von deinen 100 Mark Begrüßungsgeld gekauft?
Klara Geywitz:
Das erste war eine Schallplatte von Roxette. Würde ich heute sicher nicht mehr unbedingt wiederholen. Wofür der Rest draufging, weiß ich nicht mehr.

UB-Lüneburg: Sind aus Deiner Sicht Ostfrauen emanzipierter als Westfrauen?
Klara Geywitz: Es gibt Unterschiede und Gemeinsamkeiten. Vollzeit arbeiten zu gehen, war für meine Mutter, Jahrgang 1943, komplett normal. Ganztagsbetreuung ab der Krippe natürlich auch. Auch der Zugang zu technischen Berufen war im Osten weiter verbreitet als im Westen. Aber der Ostmann war auch nicht viel häuslicher als sein Westkollege und so waren es auch im Osten die Frauen, genau wie im Westen, die wesentlich mehr zu Hause arbeiten mussten und mehr Zeit für die Kindererziehung investierten. Was Westfrauen mir dafür erst klarmachen mussten, war zum Beispiel wie wichtig Sprache ist. Dass es eben nicht egal ist, wenn man als Frau mit der weiblichen Bezeichnung gleich ganz still mitgemeint ist. Und wofür Ost- und Westfrauen nach der Wende gemeinsam kämpften waren Regelungen zum Schwangerschaftsabbruch. Ein Kampf der immer noch nicht zu Ende ist.

UB-Lüneburg: Was wünschst Du Dir für die Zukunft?
Klara Geywitz: Neugierde. Einfach mal hinfahren, fragen, zuhören, Vorurteile prüfen und auf Entdeckungsreise gehe. Und war Ost- und West in beide Richtungen. Und dann alle zusammen zu unseren östlichen Nachbarn, den Balten, den Polen und und und. Es gibt nämlich unglaublich viel zu entdecken, was uns zusammenwachsen lässt. In Deutschland und in Europa.

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